Brennnesseltage im Stiftsgarten Bern: Das Wilde verbindet

Ein Wochenende voller Natur, Handwerk, Genuss und Begegnungen – und eine Hommage an eine Pflanze, die weit mehr kann, als uns nur zu brennen.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Brennnessel so viele Menschen zusammenbringt? Über 80 neugierige, interessierte und entdeckungsfreudige Menschen folgten der Einladung zu den Brennnesseltagen im Stiftsgarten Bern. Was sie dort erwartete, war weit mehr als eine Begegnung mit einer oft unterschätzten Pflanze: Es war ein Wochenende voller Entdeckungen, lebendigem Handwerk, duftender Farben, kulinarischer Überraschungen und berührender Geschichten. Ein Wochenende, das daran erinnerte, wie viel Wunderbares direkt vor unserer Haustür wächst – und wie wohltuend es ist, sich Zeit dafür zu nehmen.

Ein wilder Garten mitten in Bern

Zwischen Stiftsgebäude, Münsterplattform und Badgasse liegt ein besonderer Ort: der Stiftsgarten Bern. Seit über einem Jahrzehnt ist hier mitten im Herzen der Stadt eine grüne Oase herangewachsen, ein kleines Paradies für Mensch, Tier und Pflanze. Ein Ort der Begegnung, der Bildung und der Beschäftigung. Hier wird nicht nur gegärtnert, sondern gemeinsam entdeckt, gelernt, gestaltet und gelebt.

Wie der Anfang des Stiftsgartens einst wild war, so zeigte sich auch die Brennnessel an diesem Oktoberwochenende von ihrer verbindenden Seite. Sie führte Menschen zusammen, die sich vielleicht sonst nie begegnet wären. Zwischen Pflanzen, Fasern, Farben und Gesprächen entstand eine Atmosphäre, die ebenso lebendig wie entschleunigend war. Hier durfte man staunen, ausprobieren, Fragen stellen und mit den eigenen Händen etwas entstehen lassen.

Die Brennnessel wurde zur Botschafterin einer Rückbesinnung auf das Wesentliche: auf Achtsamkeit, Geduld, Nachhaltigkeit und die Freude am gemeinsamen Tun.

Von Nepal in den Stiftsgarten: Textilien mit Geschichte

Bei sonnigem Wetter öffnete der Textilmarkt seine Türen und lud dazu ein, die Brennnessel von einer ganz anderen Seite kennenzulernen. Am Stand von Brigitte Schmidli gab es faszinierende Brennnesseltextilien aus Nepal zu entdecken. Fein gearbeitete Produkte, hinter denen viel Zeit, Erfahrung und sorgfältiges Handwerk stecken.

Dort, wo bei uns die Brennnessel oft achtlos am Wegrand steht, wird sie andernorts zu einem wertvollen Rohstoff für textile Kostbarkeiten. In Nepal wird die Faserpflanze Allo nur einmal im Jahr in begrenztem Umfang geerntet. Von der Faser über das Garn bis zum fertigen Textil ist es ein langer Weg – eine Jahresarbeit, die Ausdauer, Wissen und handwerkliches Können verlangt.

Die daraus entstehenden Textilien sind Ausdruck eines langsamen, ressourcenschonenden und qualitätsbewussten Umgangs mit natürlichen Materialien. Indem Brigitte Schmidli die Allo-Produkte von Weberinnen und Strickerinnen aus Ostnepal weiterverkauft, möchte sie einen grünen, nachhaltigen und ethisch vertretbaren Umgang zwischen Mensch und Natur fördern.

Jedes Stück erzählt damit auch eine Geschichte: von Menschen, die ihr Handwerk pflegen, von überliefertem Wissen und von einer Wertschätzung für Materialien, die nicht einfach beliebig und jederzeit verfügbar sind. Eine wunderbare Erinnerung daran, dass Nachhaltigkeit nicht bei einem schönen Produkt beginnt, sondern bei der Frage, wie es entsteht und wer daran beteiligt ist.

Wenn aus Brennnesseln Fäden und Geschichten werden

Dass die Brennnessel nicht nur eine Pflanze, sondern auch ein faszinierendes Handwerksmaterial ist, zeigte sich in den Workshops von Mechtilde Frintrup, Autorin und Heilpflanzenpraktikerin.

Mit viel Geduld und fachkundiger Anleitung tauchten die Teilnehmenden in die Welt der Pflanzenfasern ein. Aus Brennnesselfasern wurden Kordeln gedreht, einfache Schlingtechniken erlernt und feine Fäden gesponnen. Dabei ging es nicht allein um das Ergebnis, sondern vor allem um den Weg dorthin: das Aufbereiten der Fasern, das Ertasten ihrer Beschaffenheit und das Kennenlernen unterschiedlicher Faserqualitäten und Erntezeitpunkte. Plötzlich wurde aus einer scheinbar unscheinbaren Pflanze ein Werkstoff mit Charakter. Die Hände arbeiteten, die Augen entdeckten Details, und ganz nebenbei wuchs das Verständnis dafür, wie viel Wissen und Geschick in einem einfachen Faden stecken.

Wer selbst einmal versucht hat, aus Pflanzenfasern einen brauchbaren Faden zu gewinnen, weiss: Das braucht Zeit, Fingerspitzengefühl und eine gute Portion Ausdauer. Genau darin lag der besondere Reiz. Nicht alles muss schnell gehen. Nicht alles muss sofort perfekt sein. Manchmal genügt es, sich auf einen Prozess einzulassen und zu erleben, wie aus einzelnen Fasern etwas Verbindendes entsteht.

Die Brennnessel als Farbzauberin

Auch Nadja Hillgruber, Naturpädagogin und ingenieurte Textilerin, öffnete mit ihren Workshops neue Türen zur Pflanzenwelt. Unter dem Titel «Brennnessel – von der Pflanze zur Farbe» begaben sich die Teilnehmenden auf eine alchimistische Entdeckungsreise zu den natürlichen Färbemöglichkeiten unserer heimischen Pflanzen. Die Färberpflanze, die direkt vor unserer Haustür wächst, wirkt auf den ersten Blick unscheinbar – und steckt doch voller Überraschungen. Altes Wissen wurde hervorgeholt, neu ausprobiert und mit frischer Neugier weitergedacht. Dabei zeigte sich, wie eng Natur, Handwerk und Kreativität miteinander verbunden sind. Pflanzen sind nicht einfach nur grün. Sie bergen ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten, das es mit offenen Augen und experimentierfreudigen Händen zu entdecken gilt.

Der zweite Workshop trug den vielversprechenden Titel «Wild & Wunderbar: Kochen und Werkeln mit Brennnesseln». Und tatsächlich: Die Pflanze durfte hier ihre Vielseitigkeit mit allen Sinnen zeigen. Gemeinsam wurde experimentiert, gestaltet und entdeckt. Was steckt in dieser Pflanze, die viele Menschen höchstens als lästiges Unkraut kennen? Welche überraschenden Möglichkeiten eröffnet sie in Küche und Handwerk? Mit Neugier, Geschick und Freude am Ausprobieren wurde die Brennnessel neu erlebt – nicht als Störenfried, sondern als vielseitige Begleiterin des Alltags.

Die Workshops machten Lust darauf, genauer hinzuschauen und sich wieder stärker mit den Schätzen der eigenen Umgebung auseinanderzusetzen.

Ein Apéro, das die Brennnessel auf die Bühne brachte

Der Samstagabend setzte dem Brennnesselwochenende im Kaiserhaus in Bern die kulinarische Krone auf. Eveline Gurtner Haussener verwöhnte die Gäste mit einem unglaublich leckeren, geschmackvollen und liebevoll präsentierten Brennnessel-Apéro.

Hier wurde die Pflanze zur Gastgeberin eines genussvollen Abends. Mit viel Liebe zum Detail und einem Gespür für Geschmack zeigte sich, dass die Brennnessel auch auf dem Teller überraschen kann. Aus einer Pflanze, die viele eher mit vorsichtigen Fingern und brennenden Erinnerungen verbinden, wurde ein kulinarisches Erlebnis, das zum Entdecken und Geniessen einlud.

Für Eveline Gurtner Haussener war die Küche schon immer ihr Lieblingsplatz – und das ist bis heute so geblieben. Diese Leidenschaft war spürbar: in der sorgfältigen Präsentation, in den feinen Aromen und in der Freude, mit der die Gäste bewirtet wurden.

Ein solcher Apéro ist mehr als eine Stärkung zwischen zwei Programmpunkten. Er bringt Menschen zusammen, eröffnet Gespräche und lässt Erlebnisse nachklingen. Und wenn dabei die Brennnessel im Mittelpunkt steht, darf man durchaus sagen: Diese Pflanze hat das Zeug zur kulinarischen Überraschungskünstlerin!

«Das Brennnesselkleid»: Sieben Jahre Hingabe an einen Faden

Ein besonders berührender Abschluss war der Film «Das Brennnesselkleid». Er erzählt die bemerkenswerte Geschichte des Textilkünstlers Allan Brown, der sieben Jahre lang an einem Kleid aus handgesammelten Brennnesseln arbeitet.

Sieben Jahre – eine kaum vorstellbare Zeitspanne für ein einziges Kleidungsstück. Jeder Faden steht für Stunden achtsamer Arbeit, für Geduld, Konzentration und die Bereitschaft, sich auf einen langsamen, anspruchsvollen Prozess einzulassen.

Der Film zeigt eindrücklich, wie Allan Brown die Herausforderung annimmt, nachhaltige Kleidung aus lokalen Ressourcen herzustellen. Dafür eignet er sich alte Handwerkstechniken neu an und verwandelt die Brennnessel Schritt für Schritt in ein textiles Kunstwerk.

Doch «Das Brennnesselkleid – The Nettle Dress» erzählt noch eine zweite Geschichte. Die Verwandlung der Pflanze in Stoff wird zum Sinnbild für Browns eigenen Weg – eine Bewegung von Trauer hin zu Erneuerung. Das Kleid steht damit nicht nur für handwerkliche Meisterschaft, sondern auch für die heilsame Kraft, die im schöpferischen Tun und in der Verbindung zur Natur liegen kann.

So wird aus einer Dokumentation über Textilherstellung eine bewegende Erzählung über Verlust und Hoffnung, über Hingabe und über die Fähigkeit, aus etwas scheinbar Gewöhnlichem etwas zutiefst Bedeutungsvolles entstehen zu lassen.

Ein Film, der nachwirkt. Und einer, der die Botschaft der Brennnesseltage noch einmal auf besondere Weise verdichtet: Manchmal braucht es Zeit, um etwas Wertvolles entstehen zu lassen. Manchmal beginnt Veränderung mit einem einzigen Faden.

Was bleibt? Die Freude am Einfachen – und die Kraft des Verbindenden

Mehr als 80 Menschen, zahlreiche Entdeckungen, neue handwerkliche Erfahrungen, spannende Begegnungen und ein gemeinsamer Blick auf eine Pflanze, die weit mehr zu bieten hat, als ihr Ruf vermuten lässt: Die Brennnesseltage im Stiftsgarten Bern waren ein Fest für die Sinne und eine Einladung, die Natur neu zu entdecken.

Die Brennnessel hat an diesem Wochenende Menschen, Generationen, Handwerkstraditionen und Ideen miteinander verbunden. Sie führte von den Pflanzenfasern Ostnepals über alte textile Techniken und natürliche Farben bis in die Küche und auf die Leinwand. Sie zeigte, wie wertvoll es ist, Wissen weiterzugeben, mit den eigenen Händen zu arbeiten und sich Zeit für Dinge zu nehmen, die nicht im Eiltempo entstehen.

Vielleicht liegt gerade darin die grosse Stärke des Stiftsgartens: Er ist nicht einfach ein grüner Fleck mitten in der Stadt. Er ist ein lebendiger Ort, an dem Menschen zusammenkommen, voneinander lernen und gemeinsam neue Perspektiven entdecken. Ein Ort, an dem aus einer Pflanze eine Geschichte wird – und aus einer Geschichte eine Begegnung.

Die Brennnessel mag stechen. Doch an diesem Wochenende hat sie vor allem eines getan: Sie hat Herzen geöffnet, Neugier geweckt und Menschen miteinander verbunden.

Und wer weiss? Vielleicht gehen die Besucherinnen und Besucher seither mit etwas anderen Augen durch die Welt. Vielleicht bleibt ihr Blick an einer Brennnessel am Wegrand hängen. Vielleicht entdecken sie darin nicht mehr nur ein lästiges Kraut, sondern einen Schatz voller Möglichkeiten.

Denn manchmal braucht es keine exotischen Wunder und keine grossen Inszenierungen. Manchmal genügt eine Pflanze, ein gemeinsamer Ort und die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen.

Die Brennnesseltage haben es gezeigt: Das Wilde verbindet. Das Einfache begeistert. Und die Natur hält oft genau dort ihre grössten Schätze bereit, wo wir sie am wenigsten vermuten.

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