Wenn aus Brennnesseln Fasern werden

Wilder Naturhandwerk-Kurs - Ein Herbsttag voller Pflanzenkraft, Handwerk und Begegnungen in Kreuzlingen

Die Wolken hingen tief und grau über dem Bodensee. Regen und Niesel umhüllten an diesem Oktoberwochenende die Hütte in Kreuzlingen, als hätte sich der Herbst vorgenommen, die Welt für einen Tag ein wenig leiser zu drehen. Draussen nasskaltes Wetter, drinnen knisternde heimelige Wärme: Der Ofen in der Blockhütte verbreitete Behaglichkeit, während sich eine Gruppe neugieriger Frauen versammelte, um in die faszinierende Welt der Brennnessel einzutauchen. Und als wäre das nicht schon Geschenk genug, schenkte die umgestellte Uhr uns allen eine zusätzliche Stunde.

Ein Tag wie gemacht, um innezuhalten, die Hände arbeiten zu lassen und sich mit Hingabe der Magie einer Pflanze zu widmen, die so viel mehr ist als ihr Ruf.

Von nah und fern – verbunden durch eine Pflanze

Die Teilnehmerinnen waren aus Österreich, dem Kanton Zürich, Zug, dem Thurgau und dem nahen St. Gallen angereist. Frauen, die sich zuvor nicht kannten und doch etwas gemeinsam hatten: die Neugier auf die Natur und die Lust, mit den eigenen Händen etwas zu erschaffen.

Ihre Beziehungen zur Brennnessel waren so vielfältig wie die Pflanze selbst. Für die einen war sie längst vertraut aus der Küche, aus dem Garten oder von kreativen Werkprojekten. Andere kannten den Brennnesselstoff oder schätzten den wärmenden Schal. Wieder andere wollten nach dem Eintritt in den Ruhestand etwas von der kraftvollen Energie dieser Pflanze in ihr Leben holen. Und dann war da diese eine Frage, die viele beschäftigte: Wie lässt sich aus einem unscheinbaren Brennnesselstängel eine wertvolle Faser gewinnen?

Genau diesem Geheimnis wollten sie auf die Spur kommen.

Fingerspitzengefühl statt Zauberei

Gestärkt durch einen frisch gepressten Pflanzensaft ging es ans Werk. Jetzt wurde nicht mehr nur gestaunt und gefragt – jetzt wurde ausprobiert, gezupft, gelöst und gefachsimpelt.

Denn die Brennnesselfaser macht es einem nicht einfach. Sie gibt ihre Schätze nicht auf Knopfdruck preis. Geduld ist gefragt, Fingerspitzengefühl ebenso. Mancher Stängel liess sich bereitwillig bearbeiten, ein anderer widersetzte sich hartnäckig. Ob am Waldrand geerntet oder am Bachbett gepflückt: Jeder brachte seine Eigenheiten und Tücken mit.

Bald wurde verglichen, diskutiert und eifrig weiterprobiert. Welcher Stängel lässt sich am besten bearbeiten? Wo löst sich die Faser besonders einfach? Was gelingt leichter, was braucht mehr Übung? Die Brennnessel zeigte ihren Charakter – und die Frauen ihren Ehrgeiz. Wenn etwas nicht auf Anhieb klappte, blitzte auch einmal Ungeduld auf. Doch gerade darin lag der Reiz: Die Pflanze liess sich nicht einfach bezwingen. Sie verlangte Aufmerksamkeit und belohnte jene, die sich auf sie einliessen.

Zwischen konzentriertem Arbeiten und angeregtem Austausch kehrte immer wieder Stille ein. Hände waren beschäftigt, Gedanken wanderten. Vielleicht tauchte vor dem inneren Auge schon der nächste Brennnesselhorst am Heimatort auf. Wo standen wohl die Stängel, die im Herbst geerntet werden könnten? Und was liesse sich aus ihnen alles erschaffen?

Aus Stängeln werden Fasern – aus Fasern wird Faden

Am frühen Nachmittag lagen genügend Fasern aus unterschiedlichen Stängeln bereit. Unter der fachkundigen Anleitung von Nadja Hillgruber begann der nächste Arbeitsschritt: Die gewonnenen Fasern wurden nach und nach weicher, geschmeidiger und bereit für ihre weitere Verarbeitung.

Dann wartete die nächste Herausforderung. An der Spindel zeigte sich erneut, wie viel Geschick und Übung das Spinnen einer so eigenwilligen Naturfaser verlangt. Unter den Teilnehmenden die geübte Wollspinnerin, sie liess Faser um Faser zu einem Faden werden. Andere entschieden sich für das Kordeldrehen oder das Nadelbinden und entdeckten auch darin die besondere Schönheit des Materials.

Es wurde ausprobiert, verworfen, neu angesetzt und weitergemacht. Jede fand ihren eigenen Zugang. Niemand musste etwas beweisen, niemand musste alles können. Das war vielleicht eine der schönsten Erfahrungen dieses Tages: Es gab kein Muss, sondern viele Möglichkeiten, weil die Brennnessel so eine grosse Vielfalt bietet. Wer etwas Neues wagen wollte, durfte sich herantasten. Wer einen anderen Weg bevorzugte, durfte ihn gehen.

So entstand zwischen den Arbeitsschritten ein lebendiges Miteinander. Die Hände lernten, der Kopf rauchte, und die Ohren waren gefragt, wenn Nadja ihr all die vielen Fragen beantwortete und ihr Wissen über das Sammeln, Ernten und Verarbeiten weitergab. Es war ein Tag, der forderte – und gerade deshalb so viel schenkte.

Reich gefüllte Schachteln, volle Herzen

Als der Tag sich dem Ende zuneigte, waren die mitgebrachten Kartonschachteln reich gefüllt: mit sorgfältig gewonnenen Fasern, herausgelöstem Pflanzenholz, das als Zunder oder Mulch weiterverwendet werden kann, mit Kordeln, geknüpften Netzen und den ersten selbst gesponnenen Garnen.

Doch nicht nur die Schachteln waren voller geworden. Auch die Herzen waren reich beschenkt – mit neuen Erfahrungen, frischem Wissen, Begegnungen und dem guten Gefühl, etwas mit den eigenen Händen geschaffen zu haben.

Draussen mochte der Regen noch immer kräftig auf das Dach klopfen. Drinnen war eine Gemeinschaft entstanden, die es am Morgen noch gar nicht gegeben hatte. Menschen, die einander fremd gewesen waren, teilten nun Geschichten, Kniffe, Ideen und die Freude am Entdeckten. Die Brennnessel hatte sie zusammengeführt – brennend, widerspenstig und voller Möglichkeiten.

Vielleicht ist genau das ihre besondere Kraft: Sie lehrt uns, genauer hinzusehen, geduldig zu bleiben und auch im scheinbar Unscheinbaren einen Schatz zu erkennen.

Mit jeder gelösten Faser wurde ein Stück dieses Tages in das Leben der Teilnehmerinnen eingewoben. Ein Stück Naturverbundenheit, ein Stück handwerkliche Selbstwirksamkeit und ein Stück Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Neues zu lernen.

Die Brennnessel hat ihre Spuren hinterlassen – in den Händen, in den Fasern und in den Herzen. Ihre Vitalität und Wehrhaftigkeit begleiten die Frauen nun hinaus in die kommende Jahreszeit. Und wer weiss: Vielleicht wird beim nächsten Spaziergang am Waldrand so mancher Blick an einem Brennnesselbestand hängen bleiben. Nicht mehr nur wegen der brennenden Blätter, sondern wegen all dessen, was in ihren Stängeln verborgen liegt.

Ein grauer Herbsttag? Gewiss. Aber einer, der von innen heraus leuchtete.

Nächster Termin 15.11.2026 – Vom Stängel zum Garn

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