von Nadja Hillgruber
Ende August machten sich fünf neugierige Frauen gemeinsam mit mir auf eine ganz besondere Entdeckungsreise: Wir wollten herausfinden, wie aus Pflanzen feine, leuchtende Farbpigmente entstehen – und warum es manchmal gelingt und manchmal überhaupt nicht.
Was folgte, war ein Sonntag voller Experimentierfreude, Überraschungen und kleiner alchemistischer Wunder.
Die Fragen hatten mich selbst den ganzen Sommer begleitet. Ich hatte ausprobiert, Fehler gemacht, neu begonnen, Rezepte verändert und immer genauer herausgefunden, worauf es bei der Herstellung von Pflanzenpigmenten wirklich ankommt.
Nun war es Zeit, diese Erfahrungen zu teilen.
Auf der Suche nach der Farbe
Unser Ausgangspunkt war der Schulgarten der Montessori Schule in Kreuzlingen. Ausgerüstet mit Töpfen und neugierigen Augen machten wir uns auf die Suche nach unseren Farbschätzen.
Rainfarn, Hibiskus, Walnussblätter und Spitzwegerich wurden gesammelt. Tagetes und Zwiebeln standen bereits getrocknet bereit. Aus den Pflanzen entstanden Färbeflotten, Sude und schliesslich – mit etwas Geduld und dem richtigen Kniff – feine Farbpigmente.
Eine Teilnehmerin brachte es besonders schön auf den Punkt:
„Mich hat begeistert, selbst rauszugehen zum Pflanzensammeln und aus diesen einen Sud zu machen.“
Und genau darin lag ein besonderer Zauber dieses Tages: Die Farbe kam nicht aus einer Tube. Sie wuchs direkt vor unseren Augen – und eigentlich schon die ganze Zeit direkt vor unserer Haustür.
„Also, in nächster Umgebung wächst Farbe!“, sagte die Teilnehmerin begeistert
Schneiden, rühren, sieben – und staunen
Nun wurde experimentiert. Geschnitten, gerührt, gewogen, filtriert und gesiebt. Wir beobachteten, verglichen und verfeinerten die einzelnen Arbeitsschritte.
Und dann war er da: der grosse Moment.
Vor uns lag eine siebzehnfarbige Naturfarbenpalette.
Fünf Pionierinnen standen davor und staunten über die unglaubliche Farbfülle, die in den Pflanzen verborgen war.
Eine Teilnehmerin schrieb danach:
„So eine umwerfend schöne Farbpalette. Aus vollem Herzen tausend Dank. Ich bin sehr glücklich, bei diesem Pionierkurs dabei gewesen zu sein.“
Diese Worte haben mich besonders berührt.
Denn genau darum ging es: nicht einfach eine Technik zu vermitteln, sondern gemeinsam etwas zu entdecken. Zu erleben, wie aus Blüten, Blättern und Pflanzenteilen etwas völlig Neues entsteht.
Eingefangener Sommer
Pflanzenpigmente sind etwas ganz Besonderes. Sie sind vergänglich, flüchtig und gerade deshalb so kostbar. Anders als die uralten Erdpigmente tragen sie nur für kurze Zeit die Farbe ihrer Saison in sich. Sonne, Boden, Niederschlag und der Zeitpunkt der Ernte beeinflussen ihren Farbton.
Wir haben an diesem Sonntag einen kleinen Moment des Sommers eingefangen.
Und dieser Moment lässt sich nicht exakt wiederholen. Im nächsten Jahr kann dieselbe Pflanze eine andere Farbe hervorbringen. Eine andere Wetterlage, ein anderer Boden, ein anderer Erntezeitpunkt – und schon erzählt die Natur ihre Farbgeschichte neu.
Vielleicht ist genau das die Magie der Pflanzenpigmente:
Sie sind nicht nur Farbe. Sie sind ein Stück eingefangene Zeit.
Die Pionierreise geht weiter
Die Begeisterung, die Neugier und die vielen Gespräche dieses Tages haben mich tief beeindruckt und zugleich bestärkt. Diese Pionier-Entdeckungsreise war für mich ein wunderbares Experiment – und gleichzeitig der Anfang von etwas Neuem.
Ab 2027 möchte ich die Herstellung von Naturfarbpigmenten aus Pflanzen als eigenen Kurs anbieten.
Für Menschen, die Lust haben, selbst auf Farbsuche zu gehen. Die entdecken möchten, welche Schätze in den Pflanzen ihrer Umgebung verborgen sind. Und die sich darauf einlassen wollen, gemeinsam mit der Natur ein wenig Alchemie zu betreiben.
Denn eines wissen wir jetzt ganz sicher:
Farbe wächst. Direkt vor unserer Haustür.
Wir müssen nur hinausgehen und sie entdecken.








