Ganzes Gespräch im Video
Es ist dieses Gelb, das sofort Erinnerungen weckt. Dieses satte, sonnige Gelb, das sich nicht darum schert, ob es in gepflegte Beete passt oder mitten durch Asphalt bricht. Löwenzahn – kaum eine Pflanze ist so allgegenwärtig und gleichzeitig so unterschätzt. Genau hier setzt das neue Buch von Mechtilde Frintrup an, über das sie sich im Gespräch mit Nadja Hillgruber mit spürbarer Freude, Tiefe und einem Hauch Poesie austauscht.
Denn „Das Löwenzahnbuch“, erschienen im AT Verlag, ist weit mehr als ein klassisches Pflanzenporträt. Es verbindet Botanik, Heilpflanzenwissen, Kulturgeschichte, Kreativität und praktische Anwendungen rund um den Löwenzahn – von Küche über Heilkunde bis zu Bastel- und Spielideen. Ein Werk, das Wissen und sinnliche Erfahrung miteinander verwebt.
Gleich zu Beginn wird klar: Dieses Gespräch will viel. Persönliche Motivation, Pflanzenwissen, Kulturgeschichte, Praxis und Philosophie der Naturverbundenheit – ein ganzer Kosmos an Themen öffnet sich, und beide Gesprächspartnerinnen nehmen die Leserinnen und Leser mit auf diese Reise.
Persönliche Kindheitserinnerung mit der Pflanze
Natürlich beginnt alles mit der Kindheit. „Fast jedes Kind kennt Löwenzahn – Pusteblume, Kränze, gelbe Hände.“ Diese Bilder stehen im Raum wie warme Frühlingstage. Die Frage nach der eigenen Erinnerung führt zurück zu jenen Momenten, in denen die Welt noch aus Wiesen bestand und Wünsche auf weissen Schirmchen davonflogen. Und ja, auch die erste bewusste Begegnung mit dieser Pflanze wird heraufbeschworen – jener Augenblick, in dem aus einem beiläufigen Gewächs plötzlich ein Gegenüber wird.
Dass Frintrup als Typografin, Grafikerin, Heilpflanzenpraktikerin und Künstlerin arbeitet, ist dabei kein Zufall, sondern prägt ihr Schaffen bis in die Wurzeln. Ihre Bücher sind keine nüchternen Nachschlagewerke, sondern vielschichtige Erlebnisräume. Gestaltung, Wissen und Intuition greifen ineinander – wie Blatt, Blüte und Wurzel.
Der Löwenzahn als Hoffnungsträger
Dann rückt der Löwenzahn selbst ins Zentrum. Eine Pflanze, die durch Asphalt, Mauerritzen und Pflastersteine wächst. Ist er Rebell, Überlebenskünstler oder Philosoph? Vielleicht alles zugleich. Im Gespräch bekommt er beinahe menschliche Züge: ein stiller Lehrer, der sich nicht aufhalten lässt. Und wenn er eine Superkraft hätte? Vielleicht die, Grenzen einfach zu ignorieren. Vielleicht die, sich immer wieder neu zu erfinden.
Was kann uns der Löwenzahn über Geduld, Wandel oder Freiheit lehren? Die Antwort liegt zwischen den Zeilen: dass Wachstum nicht laut sein muss. Dass Widerstandskraft oft leise daherkommt. Und dass Loslassen – wie bei der Pusteblume – eine Form von Vertrauen ist.
Bitterkeit ist das neue Süss – und vielleicht auch das ehrlichere
Doch das Buch bleibt nicht im Symbolischen stehen. Es geht auch um Geschmack. Und hier wird es überraschend. Denn wer denkt beim Löwenzahn schon an kulinarische Entdeckungen? Bitterkeit, ja – aber auch Tiefe, Vielfalt, vielleicht sogar Genuss. Genau diese unerwarteten Facetten machen neugierig.
Auch die kulturelle Dimension kommt nicht zu kurz. Welche Rolle spielt der Löwenzahn in Mythologie, Geschichten oder Volkskultur? Die Pflanze, die oft als Unkraut verkannt wird, entpuppt sich als Trägerin von Bedeutungen, die weit über den Gartenzaun hinausreichen.
Wenn der Löwenzahn sprechen könnte – was würde er uns Menschen sagen
Und wie geht es weiter nach diesem zweiten Pflanzenbuch? Bleibt die Autorin auf der Spur der Pflanzen, sammelt, forscht weiter? Oder öffnet sich ein neues Kapitel? Die Antwort bleibt offen, aber eines ist spürbar: Die Neugier ist ungebrochen.
Besonders poetisch wird es, als eine fast kindliche Frage gestellt wird: Wenn der Löwenzahn sprechen könnte – was würde er uns sagen? Vielleicht: „Schau genauer hin.“ Vielleicht: „Ich bin schon da.“ Oder einfach: „Wachse.“
Und dann dieser Wunschmoment: eine Pusteblume, ein Atemzug, ein leiser Traum. Wenn sich etwas für unsere Beziehung zur Natur wünschen liesse – was wäre es? Mehr Achtsamkeit? Mehr Nähe? Oder schlicht das Wiederentdecken des Staunens?
Das Gespräch endet nicht wirklich, es klingt eher aus – mit einem Ausblick. Ein Wiedersehen im Oktober in der Schweiz steht bevor. Die Vorfreude ist greifbar. Im Stiftsgarten in Bern wartet ein fulminantes Wochenende zur Brennnessel – mit Mechtilde Frintrup, Nadja Hillgruber und Brigitte Schmidli, die ihre nepalesischen Brennnesseltextilien mitbringt. An dem Wochenende wird auch der Film „Das Brennnesselkleid“ mit deutschen Untertiteln zu sehen sein.
So schliesst sich der Kreis: von der unscheinbaren Wiesenpflanze zur lebendigen Kultur der Naturverbundenheit. Und irgendwo dazwischen schwebt noch immer eine Pusteblume im Wind.

