Vom Wollknäuel zur Gemeinschaft – das Knitfest strickt Wärme

Das erste Zürcher Garnfestival verzaubert mit Wolle, Wärme und Leidenschaft

von Nadja Hillgruber

Es war, als hätte jemand die Welt für ein Wochenende in weiche Maschen gelegt: Am 8. und 9. November 2025 erlebte Zürich-Oerlikon ein farbenfrohes, flauschiges Fest der Sinne. In der Stage One Hall drehte sich beim ersten «Knitfest» zwei Tage lang alles um Garn, Wolle, Häkeln – und natürlich das Stricken. 4000 Besucherinnen und Besucher wurden erwartet – und sie kamen: strickend, staunend, lachend, tausendfach inspiriert.

Schon beim Eintreten in die helle Halle vibrierte die Luft vor Kreativität. Ein Meer aus handgefärbten Garnen glitzerte und leuchteten in den Regalen, fein drapiert neben kunstvollen Strickstücken, zarten Schals und liebevoll gefärbten Wollsträngen. Die Finger wollten gar nicht stillhalten, so verlockend war die Atmosphäre. Überall hörte man das leise Klicken der Nadeln – der heimliche Rhythmus des Wochenendes.

Leidenschaft in jeder Masche

Rund 40 Workshops bot das Knitfest – von den ersten rechten Maschen bis hin zu raffinierten Farbtechniken und -mustern für Fortgeschrittene. Die Kurse waren so unterschiedlich wie die Menschen, die daran teilnahmen. „Ich habe gelernt, Fehler mit Stil zu beheben“, sagt lächelnd eine Teilnehmerin, die gerade ihre Strickprobe hochhält. Andere diskutierten über Farbpaletten, Muster oder die neuesten Garne, während in den Community-Spaces gemütlich geplaudert, gestrickt und gelacht wurde.

Hinter der ganzen flauschigen Euphorie stehen zwei Frauen, die ihre Leidenschaft zu einem Herzensprojekt gemacht haben: Emelie und Rebecca. Kennengelernt hatten sie sich über eine Strickgruppe in Zürich – und bald war klar: Die Stadt braucht ein eigenes Festival für alle, die das Garn lieben.
Emelie, bekannt unter dem Label @otto.and.odie, bringt modernes Design auf die Nadeln, während Rebecca, die das Stricken von ihrer Grossmutter lernte, mit Wärme und Nostalgie die Brücke zwischen Generationen schlägt. Gemeinsam schufen sie mit dem Knitfest eine Plattform, „wo sich Strickerinnen jeder Könnerstufe begegnen, voneinander lernen und sich inspirieren können.“

Ein Marktplatz voller Wunder

Wie auf einem Basar der Farben und Texturen präsentierten 30 nationale und internationale Labels ihre Schätze: handgefärbte Garne, feine Nadeln, kreative Accessoires – jedes Stück ein Versprechen auf neue Projekte. Auch die Stars der Szene waren dabei, darunter Lærke Bagger, die dänische Strickrebellin, die mit ihren mutigen Designs das Handwerk neu denkt.

Ein besonderes Highlight: Der Stand von «Kräuterquell & Faserkraft», wo Brigitte Schmidli und Nadja Hillgruber die Besucher mit Textilien aus Brennnesselfasern begeisterten. „Unglaublich, dass das alles aus Brennnessel gemacht wird!“, staunte eine Besucherin, während Hillgruber geduldig zeigte, wie man aus den Stängeln der Pflanze feine Fasern gewinnt – fast wie im Märchen von Rumpelstilzchen, wo Stroh zu Gold gesponnen wird. „Meine Botschaft ist, die Schönheit der Natur wieder neu zu entdecken“, sagt sie. „Das langsame, achtsame Schaffen mit den Händen ist wie eine Meditation gegen die Hektik unserer Zeit.“

Viele Besucherinnen konnten kaum widerstehen, die feinen Brennnesseltextilien zu berühren. „Es war besonders erfreulich, den direkten Kontakt zu den interessierten Kundinnen zu haben und ihre Begeisterung für die Brennnesseltextilien zu spüren. Dieser Austausch und das Interesse an nachhaltigen, fair gehandelten Produkten war grossartig. So konnte ich wertvolle Informationen über das Handwerk und die Frauenkooperative weitergeben, die die Textilien herstellen“, erzählt Brigitte Schmidli.

Gemeinschaft, die trägt

Zwischen all den Garnknäueln und Farben ging es vor allem um eines: Begegnung. Ob allein gekommen oder mit Strickfreundinnen – jeder fand hier einen Platz, ein Gespräch, ein Lächeln. Selbst wer nur stöbern wollte, blieb hängen – vielleicht an einem besonders weichen Strang, vielleicht an einem inspirierenden Gespräch.

Die 22-jährige Emily vom Bodensee war als Volunteer im Einsatz und schwärmt:
„Beim Knitfest zu helfen hat mir tolle Einblicke ermöglicht. Wir haben Designerinnen kennengelernt, Tipps aufgeschnappt und einfach eine wunderbare Zeit erlebt – auch wenn’s manchmal chaotisch war. Aber das gehört wohl dazu. Und gemessen an der Resonanz war’s ein voller Erfolg!“

Entstaubt, modern – und voller Herz

Das Knitfest zeigte eindrucksvoll: Stricken ist längst kein altmodisches Hobby mehr. Es ist Design, Kreativität, Gemeinschaft – und manchmal pure Lebensfreude. Wer durch die Gänge ging, hörte Sprachen aus der ganzen Welt, sah Menschen jeden Alters – vom Teenager bis zur 89-jährigen Grossmutter – und spürte, dass hier Fäden weit über die Wolle hinaus gesponnen wurden.

Zum Abschluss resümierte Ausstellerin Nadja Hillgruber:
„Für uns ist es ein riesengrosses Kompliment an Emelie und Rebecca mit Team. Ihre Leidenschaft für das Garnfestival hat man in jeder Ecke gespürt. Wir wünschen uns, dass das Knitfest eine feste Grösse in Zürich wird! Denn wir freuen uns auch beim nächsten Mal dabei zu sein und Teil dieser inspirierenden Community zu sein und mit der Brennnessel zu inspirieren.

Und so blieb am Ende ein wohliges Gefühl zurück – wie eine frisch gestrickte Decke an einem kalten Herbsttag: warm, bunt und voller Herzlichkeit.
Das Knitfest hat Zürich verzaubert – Masche für Masche.

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